Fotos: Sylvia K. Kummer

Zu den Arbeiten von Sylvia Kummer in der Ausstellungskirche St. Peter an der Sperr

 

Bei der Heiligsprechungszeremonie von Johannes Paul II. und Johannes XXIII wurde nach dem offiziellen Akt Papst Franziskus Reliquien der verstorbenen Päpste überreicht. Bei dem Überrest von Johannes XXIII. handelte es sich um ein Stück Haut. Dieses Relikt wurde anlässlich der Exhumierung der Leiche für die Seligsprechung im Jahr 2000 entnommen. Haut spielt in der Geschichte römisch-katholischer Religion eine nicht unbedeutende Rolle. So wurde der Legende nach dem Heiligen Bartholomäus 71 n. Chr. bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Und biblische Erzählungen verweisen darauf, wie gerade Ungläubige durch die Berührung der Haut eine Gotteserfahrung erlangen, wie sie in Berührung kommen mit Gott, sich berühren lassen von Gott. Am deutlichsten kommt dies wohl in der Überlieferung der Thomas-Legende zum Ausdruck. Thomas hat nicht unhinterfragt geglaubt, aber er geht auf das Angebot des auferstandenen Christus ein und berührt dessen bloße Haut an der empfindlichsten Stelle, fasst in seine Wunden.

In der Realität unseres Alltags haben Werbung und Film die bloßgelegte Haut jahrzehntelang zu Markte getragen, Mode, Schminke und Körperkunst haben sich an ihr gerieben. Die europäische Kunstgeschichte begleitet diesen andauernden Prozess der Auseinandersetzung mit der Haut und dem eigenen und gesellschaftlichen Körperbild, einen Prozess, der niemals etwas von seiner Aktualität eingebüßt hat, eher im Gegenteil – die Haut als Symbol, die Sehnsucht nach dem idealen Körper, die Häufigkeit gestörter Körperbilder – all das scheinen heute unverzichtbare Beiträge, um der Entfremdung des modernen Bewusstseins vom eigenen Leib entgegenzuwirken.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Haut und dem Bild des Körpers findet sich auch in den Arbeiten Sylvia Kummers. Ihre Häute verweisen auf unterschiedliche Bedeutungen und Deutungen, die weit über ihre rein organische Funktion hinausgehen. Bisweilen macht Kummer das Trennende der Haut sichtbar, zeigt, wie sie als dünne Membran Innenwelt und Außenwelt voneinander abgrenzt. Die Außenwelt, das Leben, hinterlässt Spuren auf ihr. Haut zeigt Falten. Haut zeigt Eindrücke. Haut lagert unsere Wahrnehmungen ein und speichert unsere Erfahrungen. Wie der Körper selbst, können sie Teil der Natur oder Teil der Gesellschaft sein, allgemeingültig ebenso wie individuell.

Vielleicht mag man in den gesichtlosen Körpersilhouetten der oft großformatigen Arbeiten (Kummer nennt sie „sinn-süchte“) eine überindividuelle, allgemeingültige Aussage herauslesen, vielleicht aber wird gerade in diesen Arbeiten viel mehr noch deutlich, wie sehr Süchte und Suchen nicht nur eine sprachliche Wahlverwandschaft einnehmen. Malen ist, so besehen, für Sylvia Kummer nicht nur ein Ausdrucksmittel sondern ein Medium der Suche. Malen heißt wahrnehmen, und heißt auch verstehen, was man für wahr nimmt. Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung verbinden sich in ihren Arbeiten zu einer Gesamtheit. Denn Malen heißt auch empfinden. Es heißt die eigenen Emotionen zu suchen und zu erspüren. „lebenshäute“ hat Sylvia Kummer ihre in Buchform erschienene, opulente Werkschau genannt. Viele dieser „lebenshäute“ zeugen von ihrer suchenden Annäherung, erscheinen wie persönliche Gesten und auch Hinterlassenschaften der Künstlerin, sie erfahren Schichtungen von Farbe, von Schabungen und Kratzungen, sie werden von ihr überschrieben, werden durch Texte überlagert. Es sind Notationen von Erinnerungen und Erfahrungen – oft auf Reisen und im Unterwegssein gewonnen, die sie manchmal in Graphit und Öl auf transluzentem Japanpapier, dann wieder in Mischtechnik auf großformatigen Leinwänden oder auf eingerollte Lederhäute setzt.

Dass das Geschriebene dabei niemals „die ganze Geschichte“ sondern oft fragmentiert und selbst relikthaft daherkommt, ist Teil ihrer Annäherung. Konkrete Zu-Schreibungen sind ihre Sache nicht, gerade im Nicht-Fassbaren ein es relikthaften Textes liegt für Sylvia Kummer eine wichtige Quelle der Authentizität – das lehrt uns heute auch die Geschichtswissenschaft. Diese sieht den Vorteil von Relikten, die sie als „Überreste“ bezeichnet, also von unabsichtlich hergestellten, sozusagen „übriggebliebenen“ Quellen hergeleitet, darin, dass sie eher ein unverfälschtes Bild der Vergangenheit liefern könnten.

Echtheit erlangen Sylvia Kummers Arbeiten im Besonderen durch ihre sehr genaue künstlerisch-methodische Aufarbeitung bei einer gleichzeitig offenen Interpretation, die sie für subjektive Fragestellungen der RezipientInnen erst verwertbar machen. Glaubwürdig ist auch ihre Erfahrung, dass weder ein genaues Abbilden der Körperform noch ein geduldiges Anhäufen ihrer scharf beobachteten Details die Eigenheit der Malerei ausmachen, wohl aber das tiefe Gefühl, das die Künstlerin ihren Leibwesen entgegenbringt, auf dass sie ihre ganze Aufmerksamkeit richtet und in dessen Wesen sie eingedrungen ist.

Schön, dass es Leibwesen gibt und Sylvia Kummer sich daran wagt, sie zu neuen künstlerischen Sensationen zu machen, indem sie uns zur Präsenz des Körpers führt und uns das Ringen um seine Bemächtigung als persönliches Vermächtnis hinterlässt.

– michael weese