Fotos: Christina Pawowitsch, Sylvia K. Kummer

der körper als raum für wahrnehmung

2019

das innere nach außen kehren

Was bringt die Wahrheit des Innersten am sichtbarsten an die Oberfläche? – die Haut.

 

aus fühlen wird wissen

 

Die Haut ist das Sinnesorgan, welches sich in der Ontogenese des Menschen am frühesten entwickelt. Durch sie kommt es zu unserem ersten Kontakt mit der Außenwelt. Über die Haut entstehen Eigen- und Fremdwahrnehmungen, die ihrerseits historischen und kulturellen Zuschreibungen unterliegen und stets im Wandel begriffen sind.

Die Haut – nicht nur als als bio-physiologische Hülle des Körpers – sondern samt ihren stigmatisierenden, symbolischen Machtimplikationen ist ein wesentlicher Teil meines Forschungsgebietes. Ich beschäftige mich mit der haut – die denTastsinn und das haptische System als eine Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung ins Zentrum rückt.

Anfang des 19. Jahrhunderts postulierte der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Berliner Vorlesung über Ästhetik, dass sich das Sinnliche der Kunst nur „auf die beiden theoretischen Sinne des Gesichts und Gehörs“ beschränke, „während Geruch, Geschmack und Gefühl vom Kunstgenuss ausgeschlossen bleiben“.

In meinen Projekten versuche ich hingegen alle Sinneswahrnehmungen zu integrieren, überlagere verschiedene Wahrnehmungsformen, die sich mitunter lustvoll kontrastieren.

Besteht nicht das höchste Ziel eines Künstlers/einer Künstlerin darin, mit seiner/ihrer Kunst zu berühren? Wenn dieses Berühren auch noch eine tatsächliche physische Berührung beinhaltet, wird dem Rezipienten die Chance gegeben das Kunstwerk nicht nur intellektuell oder emotional zu erfassen, sondern auch zu erspüren. Unsere Sinne sind Teil unserer Kommunikation.

 

Das Fühlen und Tasten gehört zu den unmittelbarsten Erlebnissen unserer Wahrnehmung vom Ich und vom Anderen. Die Haut umschließet unseren Leib und wird so zur Grenzzone.

Bilder der Haut sind untrennbar verwoben mit kulturellen Vorstellungen, Andeutungen und Identitätskonstruktionen – etwa in Bezug auf Rassismus, Fremdheit, Schönheit und Gesundheit. Repräsentationen von Menschen sind verschränkt mit Darstellungen der Haut.

Meine Objekte sind immer „in Bewegung“, „in Veränderung“, passen sich dem Kontext und der Umgebung an. Sie sind Einzelelemente, aber auch Teil des Ganzen. Sie können zweidimensional oder dreidimensional gesehen und präsentiert werden. Das ist mir wichtig, da unser gesamtes Leben einem Wandlungsprozess unterliegt.

Vielheit und Einheit

Christina Pawlowitsch

Aus dem Englischen

Sylvia K. Kummer: der körper als raum für wahrnehmung

Eine Ausstellung in der Galerie Die Schöne  Kuffnergasse 7, Wien

13. bis 15. September 2019

ICH KAM AN DEM ABEND vor der Eröffnung – aus Versehen auf gewisse Weise. Ich hatte in einer lokalen Stadtzeitung gelesen, dass ein paar Monate zuvor, ein paar Schritte von meinem Haus, in einem alten Fabrikgebäude eine neue Galerie eröffnet hatte. Das Konzept, so der Artikel, war einfach: junge Künstler und Künstlerinnen, direkt von der Angewandten oder der  Akademie (den beiden großen Kunstschulen in Wien). Die Rotation war schnell, so dass jedem Künstler und jeder Künstlerin eine Einzelausstellung gegeben werden konnte. Jeden Donnerstag würde die neue Ausstellung eröffnen und dann bis zum darauffolgenden Sonntag zu sehen sein. Für das kommende Jahr, so der Artikel, war das Programm schon voll.  

Diese Woche jedoch war anders. Donnerstag Abend schritt ich in einen verlassenen Hinterhof. Es war Licht oben zu meiner Linken, im zweiten und letzten Stock des langgestreckten Gebäudes. Ich sah die Silhouette einer Person, die, wie es aussah, das Fensterbrett als Arbeitstisch verwendete. Sonst war es still. Es war nicht die Gegenwart einer Menge zu spüren. Ein Schild mit der Aufschrift „Kunst ab Hinterhof“ führte mich zum hinteren Ende des Gebäudes, weiter ins Hintere des Hofes. Ich kam zu einer Türe, die verschlossen war, und kehrte also um. Als ich wieder die Silhouette am Fenster sah – offensichtlich jemand, der dort auf einem Computer arbeitete – entschloss ich mich, jene andere, erste, Tür zu probieren. Diese war offen. Treppen, die hinauf führten. Am oberen Ende der Treppen ein großer, stummer Bildschirm. Daneben der Schriftzug der Galerie – „Die Schöne“. Ich drehte mich um zu dem großen Raum, von dem das Licht kam, und verstand, dass das die Ausstellung war, nur dass niemand da war – außer jener Person, die ich von unten gesehen hatte.

Der Raum war enorm, weit und lang. Das unmittelbare Verlangen, in diesen Raum einzutauchen – in den Wirkungsbereich dieser Objekte, dieser Farben, dieses Lichtes. Ein Verlangen, Teil des Raums zu werden. Wie wenn man Wasser sieht und schwimmen will. Es war eine Welt mit mehreren Teilwelten und Kulturen.  

– Das sind mehrere Künstler.

– Nein. Sie hielt inne: Das sind alles … meine Arbeiten.   

Es war die Künstlerin selbst, Sylvia Kummer. Sie erklärte mir, dass die Eröffnung am darauffolgenden Tag stattfinden würde. Ich erklärte das Missverständnis, das mich hierher geführt hatte. Ich erfuhr, dass sie ihr Atelier auch in dem Gebäude hatte, gleich hinter dem Ausstellungsraum, auf der gleichen Ebene. Ihre Ausstellung war auf gewisse Weise außerhalb des regulären Programms, eine Art Pop-up im Umland ihres eigenen Raumes, bevor Die Schöne das reguläre Programm nach der Sommerpause wieder aufnehmen würde.

Es muss das Werk von Jahren gewesen sein. Ich vergaß, die Frage zu stellen. Ich merke im Nachhinein, dass ich vergaß, überhaupt irgendwelche Fragen zu stellen. Keine Fragen waren notwendig aber oder drängend – weil das Werk an mir wirkte. Dieses Werk war unmittelbar. Es brauchte keine Erklärung.

Bewegung – des Körpers Sich-Bewegen als Mittel den Raum, der ihn umgibt, zu ermessen, oder, um es anders zu sagen, das den Raum, in dem er zu existieren kommt, aufspannt – ist eines der Themen, die Kummer erforscht. Ein anderes von Kummers Interessen gilt der Oberfläche des Körpers – Haut, der Grenzfläche zwischen dem Innen und dem Außen des Körpers.

Kummers Arbeiten sind nicht gefällig. Dennoch sind die Bilder und Objekte, die sie schafft, furchtbar anhänglich. Ich habe keine Ahnung wer – was – diese kleinen Kreaturen mit Geweihen sind, aber ich fühle mich wunderlich hingezogen zu ihnen. Sie rufen eine Art Kindheitszustand des Lebens hervor – den Beginn von Bewegung, Erkunden und Erfahrung – nicht nur eines individuellen Lebens, sondern des Lebens im allgemeinen, als wären sie die Erinnerung eines früheren Zustands des Lebens, der in unsere Körper geprägt ist.

Der körper als raum für wahrnehmung ist aber nicht nur eine Abhandlung über den Körper und sein Verhältnis zum Raum. Es ist ein Werk in und mit dem realen Raum, in dem die Ausstellung stattfindet, und als das ist es viele und eines zugleich. Wir haben vor uns ein Kunstobjekt, das der gesamte Raum ist. Dann aber auch, viele einzelne Objekte, viele individuelle Arbeiten: Bildwerke, Skulpturen, Gruppen von Bildwerken und Skulpturen. Dieses Eines-und-viele-zugleich-Sein überträgt sich auf das einzelne Objekt. Viele der Arbeiten beinhalten Welten in sich: kleine Malereien, Zeichnungen oder Schrift.

Raum hat, der traditionellen Anschauung nach, keine intrinsische Richtung. Die Richtungen des Raumes haben, so sagen Philosophen, keine „metaphysische Qualität“: Stattdessen ist jede räumliche Richtung vollkommen symmetrisch. Darüber hinaus ist dem Raum keine Bewegung inne, kein Fluss; Raum hat, im Gegensatz zur Zeit, keinen dynamischen Aspekt. Und drittens, hat die Positionierung im Raum keine Auswirkung auf das Sein. Es ist unerheblich ob Sie sich genau hier oder dort drüben befinden, da alle räumlichen Verortungen gleich real sind. (John W. Carroll und Ned Markosian: An Introduction to Metaphysics, Cambridge University Press, 2010, 159)

Zeit ist, dieser Anschauung nach, stattdessen dynamisch: Jeder Moment der Zeit nähert sich unaufhaltsam aus der Zukunft, genießt seine kurze Glanzzeit im Scheinwerferlicht der Gegenwart, und verschwindet dann für immer im schattigen Bereich der Vergangenheit. Darüber hinaus: die zeitliche Verortung ist relevant, was den Seinszustand betrifft: denn die Vergangenheit ist die Domäne des Gewesenen, und die Zukunft das Land des bloß Möglichen. Allein die Gegenwart ist wirklich real. (Ibid.)

„Wahrnehmung“ trägt begrifflich in sich sowohl „Erfahrung“ als auch „Bewusstwerdung“ und „in den Stand des Wissens Kommen“. Der Körper dann also als Raum in dem – durch den – was wirklich ist, erfahren und begriffen wird. Dieses Thema ist nicht nur in den ausgestellten Arbeiten ausgedrückt, sondern wir, als Besucherinnen und Besucher, werden dieser Erfahrung gegenwärtig unterworfen, momentan, in dem Raum, in dem die Ausstellung stattfindet. In diesem Sinn ist der körper als raum für wahrnehmung auch performance. Und als solche wird das Werk nicht nur eine Erkundung von Raum sondern auch von Zeit. Denn jeder wirkliche Raum existiert nur in der Zeit, und die Zeit vergeht. Jener Moment, der mich fühlen ließ, dass ich in diesen Raum eintauchen wollte – in der Tat der Raum wie er damals existierte – gehört nun der Vergangenheit an.

Dies ist natürlich eine grundlegende menschliche Erfahrung: nicht nur, dass Zeit vergeht, sondern auch dass wir uns dieses Vergehens bewusst sind. Und von dieser Bewusstheit, vermutlich, stammt unsere Hingezogenheit zu Objekten – greifbaren und wirklichen Dingen, die für uns zur Verkörperung von Erfahrung und zum Fluchtpunkt von Begehren werden.

Die eine individuelle Arbeit von der körper als raum für wahrnehmung, die diese Kraft auf mich ausübte, war eine der mehr traditionellen Arbeiten. In der Tat, vielleicht die traditionellste und minimalistischste der Arbeiten: eine Figur, die sich nach vorne beugt, hockend oder in einer anderen Position nahe am Boden, als ob Teil einer Bewegung, Teil  eines Tanzes. „Image de la peau“ (Abbidlungen 10-12) stand etwas abseits, auf der vorderen Kopfseite des Raumes, genau dort wo man, von den Treppen kommend, dazu kam, den Raum zu betreten – nicht so sehr isoliert vom Rest, sondern wie wenn auf den Rest blickend: wie das Gegenüber, die eine Reflexionsfläche für alles andere. Die Arbeit hat keine intrinsische Vorder- und Rückseite; sie funktioniert beidseitig. Sie kann in die Mitte eines Raumes gestellt werden. Je nachdem, von welcher Seite man sie ansieht, werden verschiedene Details sichtbar. Einige davon, erklärt Kummer, werden erst mit der Zeit sichtbar. Zeit und Raum dann wieder, auch innerhalb dieser einen Arbeit, sind also Teil der Erkundung.

Ich würde zu diesem Bild zurückkehren, am darauffolgenden Tag, und dann wieder drei Tage später, Sonntag Nachmittag, bevor die Ausstellung abgebaut wurde.

Der Raum sah dann schon anders aus. Das Licht hatte eine andere Schattierung, und Kummer hatte den Besuchern der Ausstellung erlaubt, Stühle und Bänke zu bewegen, was die eng berechnete Spannung zwischen den Objekten aufgebrochen hatte.

– Es ist wirklich schade, dass die Ausstellung nicht länger zu sehen ist. 

– Nun, … ja. In zwei Stunden baue ich alles ab. Morgen kommen sie schon mit der Ausstellung für nächste Woche herein.            

Christina Pawlowitsch ist Assistenzprofessorin für Angewandte Mathematik an der Universität Panthéon-Assas in Paris.

 

 

 

 

Fotos: Christina Pawlowitsch