Foto: Sylvia K. Kummer

rose von jericho

2012/2013

Die Rose von Jericho sieht auf den ersten Blick ganz unscheinbar aus. Sie ist eine vertrocknete, aus ihrer Wurzelverankerung gerissene und durch den Wind fortgetragene Pflanze, die nur dort wieder Wurzeln schlagen kann, wo der Boden für sie genügend Nährstoffe bereithält. Selbst in getrocknetem Zustand genügt nur wenig Wasser, um sie wieder aufblühen zu lassen. Dann entfaltet sie ihre Schönheit und wird zu einer wunderschönen Wüstenrose.

Im übertragenen Sinn gilt dies auch für viele Menschen, die durch private, politische oder soziale Umstände aus ihrem üblichen Lebensraum gerissen, versuchen, ihre Wurzeln zu finden.

 

 

Ausgangspunkt des Projektes

Es begann mit der Auseinandersetzung mit meinem Namen.

Bereits 1996 führte mich meine Suche nach Frauen, die mit dem gleichen Namen wie ich geboren wurden, zu einer Musikerin/Sängerin und einer Schriftstellerin.

Dies gipfelte damals in einer Ausstellung: Sylvia Kummer – Sylvia Kummer – Sylvia Kummer, in der ich unter anderem auch die Autorenschaft einzelnder Werke aufhob.

Dieses Mal fand das Projekt rose von jericho seinen Ursprung in der Beschäftigung mit „Kümmerlingen“, angeregt durch ein Gespräch mit Daniel Spoerri.

Im Vorfeld eines Projekts recherchiere ich, sammle Informationen und Interviews, die ich später mittels Ton- und Videoaufzeichnungen festhalte.

Bei den Untersuchungen zu m Thema kümmerlinge war ich unweigerlich nicht nur mit den durch Verletzungen, Krankheiten oder aufgrund von Erbanlagen kleinen, verformten oder nicht vollständig ausgebildeten Geweihen konfrontiert – die ich überarbeitete, umstrickte, verhüllte, be-kümmerte  – sondern auch mit den Sujets der Jagd, wie Trophäen und Abwurfstangen.

So lernte ich auch die Wildbiologin Karoline Schmidt kennen und lud sie 2012 ein, bei der Eröffnung einer gemeinsamen Ausstellung mit Daniel Spoerri zum Thema kummer-kümmerer-kümmerlinge ergo spoerri über Geweihe zu sprechen. 

 

 Entstehung der Skulptur rose von jericho

Die Skulptur rose von jericho, bestehend aus Eisen, Holz, einem Geweih, einem Krickerl, Wolle und 50 Abwurfstangen, entstand 2012 aufgrund einer Einladung zu einer Skulpturenausstellung im Stift Ossiach.

 

Die Kuratorin Silvie Aigner dazu: „Die eindrucksvolle Formierung der Abwurfstangen schützt den im Inneren der Rose befindlichen Kümmerling. Der Titel bezieht sich auf die Eigenschaften der Rose von Jericho, die, wenn sie einen nährhaften Boden findet, wieder aufblühen kann. So ist die Skulptur auch eine Metapher für das menschliche Bedürfnis Halt zu finden, Schutz und die Möglichkeit sich zu entfalten. Alles was nicht genährt wird, verkümmert. Indem die Künstlerin die Hierarchie der Geweihe umdreht, stellt sie auch bestehende gesellschaftliche Normen infrage. Die Abwurfstangen wirken innerhalb des urbanen Raumes als Fremdkörper, da sie vor allem mit Landschaft, Wald und Natur assoziiert werden. Sylvia Kummer implizierte daher auch die Frage an unseren Umgang mit dem Fremden, Andersartigen und der Möglichkeit der Entfaltung innerhalb eines vorgegebenen sozial-gesellschaftlichen Rahmens. Die Abwurfstangen sind zugleich auch ein Symbol der jährlichen Erneuerung, das stets auch den Tod impliziert.  Das Innere der Natur wird nach außen gestülpt und ihre Wachstumskraft mit Pracht gezeigt. Durch die Herausstellung des Kümmerlings gleichsam als Schatz im Inneren der rose von jericho werden jedoch weiterführende Aspekte angesprochen.“

Der Frühlingsbeginn und die Osterwoche 2013 schien mir ein geeigneter Termin für die Installation am Stephansplatz – gilt das Geweih doch von jeher als das Symbol für Regeneration und Erneuerung, wie auch die außergewöhnliche Pflanze – Rose von Jericho genannt – in Zusammenhang mit der Wiederauferstehung Christi gebracht wird: wenn diese „Wüstenrose“ nicht mit Wasser „genährt“ wird, erscheint sie leblos, kann jedoch jederzeit zum Leben erweckt werden.
Die Skulptur war von allen Seiten zu betrachten, man konnte rundherum gehen, in das Innere schauen, zuerst nicht Sichtbares entdecken. Gegensätzliche Interpretationen waren möglich: sind die Hirschgeweihe Schutz oder Einengung für den Kümmerling? Diese Überlegungen und der Umgang mit dem „Schwachen“ ließen sich auf unsere gesellschaftspolitischen und sozialen Bereiche oder auf unseren Umgang mit der Natur übertragen. Gleichfalls war diese Installation aber auch eine Metapher für fremde Kulturen – für das faszinierend Fremde, das von Außen in die Stadt Kommende. Weiters wurden durch das Kunstobjekt Geweihe nicht mehr als Jagdsymbol erfasst, sondern es wurden neue Bedeutungs- und Interpretationsebenen geschaffen – stammen Abwurfstangen ja im Gegensatz zu den Jagdtrophäen von lebenden Tieren und sind als Geschenk, als freiwillige Gabe der Wildtiere, der Natur zu sehen.

Die Installation der Skulptur, der rose von jericho, auf diesem prominenten Platz Wiens konnte also neben der ästhetischen Komponente als Impulsgeber gesehen werden, sich über dieses Kulturgut Gedanken zu machen, Diskussionen und Diskurse anzuregen und Gefühle wachzurufen.

Bei den vergangenen Projekten erwies es sich, dass Geweihe jeden einzelnen ansprechen, dass es kaum jemanden gibt, der nicht entweder positiv oder extrem negativ reagiert – sie „erzwingen“ gewissermaßen emotionale Reaktionen, sodass dieses interaktive Projekt eine aktive Beteiligung garantierte.